November 2011

Ich bin Lasse, ich bin 8 Jahre alt. Ich wollte mit Menschen nichts mehr zu tun haben. Gar nichts!!!

Eigentlich war das schon länger so. Ich habe es mich nie getraut zu sagen aber irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten. Ich wollte nicht, dass man auf meinen Rücken steigt und ich wollte mich nicht bewegen. Wenn es mir zu viel wurde bin ich gestiegen und einfach in eine andere Richtung gelaufen. Oft habe ich auch gedacht wenn ich weg schaue, dann hört es auf, aber es hat nicht geholfen. Ich habe mich immer versucht umzudrehen und weg zu laufen, aber auch das hat nichts geholfen. Ich bin eben eher so der introvertierte Typ, andere rennen vielleicht weg, ich wollte einfach gar nichts mehr machen. Es waren mehrere Tierärzte da, die haben aber immer nur geschaut, ob mir körperlich etwas fehlt und das war ja nicht der Fall. Eine Erklärung für mein Unwohlsein hatten sie auch nicht. So wurde es immer schlechter und ich habe mich immer mehr zurück gezogen, vor den Menschen.

Dann kam diese Blondine die Stallgasse runter, hat mich angeschaut, hat irgendwelche Laute von sich gegeben, die ich natürlich nicht verstehen konnte und zwei Monate später bin ich auf einen Transporter geladen worden und kam in einen anderen Stall.

Es war super, da, wo ich hinkam. Ich konnte auf die Koppel! Und konnte aus der Box schauen, was ich anfangs jedoch nur selten tat. Aber die Blondine wollte auch immer etwas von mir, auch wenn sie nicht versucht hat, mich zu reiten.

Dann kam eine zweite Blondine, die hatte solche Krusselhaare. Ich war äußerst beunruhigt! Das erste Mal, als ich sie gesehen habe, haben die beiden sich mit mir in die Halle gestellt, haben sich eigentlich mehr miteinander beschäftigt, als mit mir. Dann haben sie angefangen mit einem Stock an mir rum zu kratzen, das war soweit ok und dann konnte ich einfach wieder gehen. Total komisch!

Ich durfte jeden Tag auf die Koppel, wurde in der Halle laufen gelassen und einmal die Woche kam die zweite Blondine und hat seltsame Dinge mit mir gemacht. Ich mußte mich anfangs nicht so viel bewegen aber unheimlich viel nachdenken! Es war unglaublich anstrengend! Ich hatte immer Angst, dass ich wieder nicht verstehe, was ich machen soll und dass das Ganze wieder in Stress ausartet. Stress kann ich gar nicht vertragen! Man muß es mir langsam erklären und darf mich nicht so überfallen!

Obwohl ich ja eigentlich mit Menschen nichts mehr zu tun haben wollte, waren die beiden irgendwie interessant. Ich hatte jetzt immer so ein Teil mit Knoten um den Kopf und hing an einem Seil wenn man mich aus der Box geholt hat. Anfangs habe ich auch da versucht mich umzudrehen und weg zu laufen. Die beiden haben sich aber überhaupt nicht aus der Ruhe bringen lassen! Sie haben immer wieder von vorne angefangen und wenn ich was nicht verstanden habe, dann haben sie es mir noch einmal erklärt. Man konnte die aber auch nicht austricksen, die waren anders, als die anderen Menschen. Ich habe das Gefühl die zweite Blondine, die mit dem krusseligen Langhaar, spricht meine Sprache perfekt, ich glaube die andere wollte das auch lernen.

Also habe ich mich darauf eingelassen. Ich bin rückwärts gegangen, obwohl sie mich nur angeguckt haben und solche Dinge. Ich weiß gar nicht wie das kommen konnte und ich mußte immer wieder darüber nachdenken. Dann kamen sie mit Stangen, die an einem Gestell kurz über dem Boden befestigt waren. Ich dachte alles klar, springen kann ich. Das wollten die aber gar nicht. Ich sollte traben. Du liebe Zeit, ich dachte ich breche durch! Aber auch da haben sie es mir immer wieder erklärt und irgendwann ging es. Es hat sogar angefangen Spaß zu machen!

Dann kam der Tag, da kamen sie mit einem Sattel! Ich wußte es! Ich dachte das geht gar nicht! Alleine das Aufsteigen hat mich völlig fertig gemacht. Ich habe vor lauter Schreck das Atmen vergessen! Aber sie haben mich gar nicht versucht fest zu halten! Die eine ist auf einen kleinen Hocker gestiegen und hat so lange gewartet, bis ich es geschafft habe, daneben stehen zu bleiben. Erst dann ist sie hoch. Mehr wollten sie gar nicht!

Erstmal.

Dann wollten sie Schritt reiten. Das ging ja noch, aber dann wollten sie antraben! Das ging gar nicht! Antraben war schon immer mein großes Problem. Ich habe da so eine innere Blockade, schon ohne Sattel und Reiter war das anfangs das größte Problem! Und jetzt das! Selbst für 1000 Leckerli nicht (und ich habe immer Hunger, ich bin auf Diät)! Dann mußte ich eine Woche nur antraben üben, ohne Sattel und nur mit einer Blondine am Boden. Na gut.

Eine Woche später kam die mit den Krusselhaaren wieder dazu und ich hatte wieder einen Sattel an und eine Blondine auf dem Rücken. Die auf dem Boden hat ganz viel Energie aufgenommen und dann habe ich mir irgendwann gedacht, ich tu es jetzt einfach! Da waren die beiden völlig begeistert! Dann habe ich es nochmal gemacht, nur ganz kurz, ein bis zwei Schritte. Und dann kam das Beste, die beiden waren so begeistert, dass sie mich in Ruhe gelassen haben! Das war es!! Ich durfte in die Box!!

Zwei Wochen später habe ich schon 1,5 Runden Trab geschafft! Ok, man muß vom Boden immer noch nachhelfen, sonst kann ich mich einfach nicht überwinden und Zügel annehmen geht gar nicht, da fühle ich mich sofort wieder total beengt und an meinen Bauch drücken geht auch nur manchmal. Die beiden scheinen aber begeistert zu sein. Ich meine, für die beiden tu ich das. Die sprechen ja auch mit mir, da kann man ja auch mal … natürlich nur in Maßen … ein bißchen Entgegenkommen zeigen…

Am Wochenende hatten sie dann wieder einen neuen Plan. Wir waren mit noch fünf anderen Kumpels von mir, die hatten auch ihre Menschen dabei, zusammen in der Halle. Ich denke die Menschen wollten alle unsere Sprache lernen. Ist ja grundsätzlich gut. Sie wollen halt immer das Alpha-Tier sein. Darüber muß man ab und an mal reden. Ich bin mir manchmal noch nicht ganz sicher, ob ein Mensch mir auch die Sicherheit geben kann, die es dafür benötigt. Aber das Wochenende hat uns irgendwie noch ein Stück näher zusammen gebracht, so dass ich am Ende über eine blaue Plastikplane gegangen bin. Das hat meine Blondine wieder total begeistert, dabei hat sie mir doch gesagt, „gar kein Problem, Lasse“.

Menschen, was soll ich sagen!

Lasse