Kursbericht Pferde-Lesen Praxiskurs auf dem Löwenhof / Würges - Samstag, 03.09.13

(von Julia)

 

Bei angenehmen Temperaturen trafen wir uns auf dem Löwenhof in Würges, um vier Pferdepersönlichkeiten kennen zu lernen, die wir gemeinsam lesen und am Ende den Horsenalitys zuordnen würden. Das Besondere: Auch Iris kannte die Pferde nicht und wusste nicht, was sie erwarten würde.

Das war eigentlich für mich der besondere Reiz, denn ich wollte wissen, wie Iris Herangehensweise an völlig unbekannte Pferde war.
Außerdem wollte ich mein Wissen aus den Theoriekursen durch Praxiswissen erweitern.

Wir saßen in einer Ecke des Reitplatzes, auf dem schon alle möglichen Sachen, wie Stangen, eine Plane, ein Ball, eine Palette etc. rumlagen.
Zu Anfang erarbeiteten wir die vier, bzw. fünf Horsenalitys mit ihren guten und schlechten Eigenschaften. Als der theoretische Hintergrund dann wieder etwas aufgefrischt worden war, wurden nacheinander die Pferde für je circa. 20 Minuten auf den Platz geführt.

Wir saßen in unserer Ecke und warteten gespannt, was nun passieren würde. Jeder beobachtete die Pferd gebannt und Iris hielt sie erst einmal nur am Seil, stand da und tat nichts.

Jedes Pferd reagierte anders. Hank, ein 3-jähriger, frisch gelegter Schwerer-Warmblut-Wallach war etwas zurückhaltend, interessierte sich zu Anfang nicht sonderlich für Iris, schnuffelte aber nach ein paar Minuten an einer der Stangen, die uns in der Ecke von den Pferden trennte. Als die Stange runter fiel, zuckte er kurz zusammen, war aber ansonsten nicht sehr beeindruckt. Er drehte langsam ab und erst, als die Stange hinter ihm wieder hoch gelegt wurde, erschreckte er sich und hopste halb um Iris herum. An sich war er zwar ruhig, aber neugierig. Eine Berührung ließ er beim ersten Mal jedoch nicht zu, stand dann aber relativ schnell nah bei Iris und ließ sich später auch gerne streicheln.

Calida, eine 7-jährige Andalusier-Stute war ziemlich irritiert, als sie den Platz betrat, wollte erst mal wieder raus und explodierte fast am Strick. Sie versuchte, weg zu kommen und hielt maximalen Abstand zu Iris. Sie war ziemlich unsicher und angespannt und stand dann einfach nur da und hielt die Situation aus, nachdem sie merkte, nicht entkommen zu können.

Aragorn, ein 11-jähriger Friesenwallach war ziemlich gelassen, stapfte zu Iris und blieb stehen, als sein Kopf hinter Iris war. Später ließ er sich kraulen und war eigentlich ziemlich vertrauensvoll.

Während das alles passierte, erklärte Iris und fragte, was wann wie passiert war und wir versuchten uns zu erinnern, was wir gesehen hatten. Es war ziemlich faszinierend, wie die Pferde die Situation durchliefen und was in der Zeit, in der ja eigentlich noch gar nichts passiert war, schon alles passiert war!

Die erste aktive Handlung von Iris war, die Pferde am Seil einfach laufen zu lassen und ihnen die Führung zu überlassen. Alle drei Pferde liefen nur zögerlich los und waren mit der zugeteilten Führungsstellung nicht ganz bis überhaupt nicht zufrieden.
Während Hank nach kurzem Zögern zielstrebig auf die kurze Seite zusteuerte, hinter der seine Koppel lag, konnte Calida mit der ihr zugeteilten Entscheidungsfreiheit überhaupt nichts anfangen. Später lief sie dann zur gegenüberliegenden langen Seite, an der der Paddock mit den anderen Pferden der Herde war.
Aragorn blieb einfach stehen und hatte keine Lust so alleine über den Platz zu laufen. Er wartet und ging immer nur kurz einen Schritt, wenn Iris auch einen tat. Ging Iris vor, lief er ihr ohne Seil nach.

Nachdem Hank zum Schluss selbst auf die Palette zulief um sie sich evtl. mal kurz genauer anzusehen, brauchte Aragorn Iris Hilfe, um sich den Ball anzusehen und ihn dann sogar anzustupsen (dabei erschreckte er sich..). Calida ging mit Iris bis vor die Plane und als Iris sie nicht aufforderte, darüber zu gehen, wusste sie nicht, was sie damit anfangen sollte. Sie stand ziemlich ratlos davor und hätte gerne gehabt, dass Iris die Aufgabe für sie löste.

Was Iris alleine in ihrer ganzen Theorie nicht erklären konnte, konnten sie mit Hilfe der Pferde sehr gut. Denn alle drei Pferde waren - obwohl sie sich so verschieden verhielten und andere Umgangsweisen mit der Situation hatten - meistens auf ihrer rechten Gehirnhälfte und leicht bis sehr introvertiert. Also alle drei "unten/rechts".
Und das, obwohl sie so anders reagiert hatten! Bis auf Aragorn waren sie bisher auch anderen Persönlichkeiten zu geordnet worden. Es war sehr verblüffend, was sich offenbarte, wenn man einmal nicht beeinflusste und genau hin sah. Sehr wichtig, denn die Ausbildungsstrategie würde sich jetzt vor allem für Calida, die bisher als Paniker nach oben/rechts gesteckt wurde, grundlegend ändern.

Als viertes Pferd kam zum Schluss die 5-jährige Palomino-Stute Dayla. Ihr Auftritt war von Anfang bis Ende spektakulär und es war ziemlich schnell zu erkennen, dass dies ein sehr extrovertiertes Pferd auf seiner linken Gehirnhälfte war. Sie hatte überhaupt kein Problem damit, vorne weg zu laufen und war ständig in Bewegung. Sie wusste genau, was sie (nicht) wollte und testete Iris Grenzen. In ihrer ganzen Körperhaltung strahlte sie Selbstbewusstsein aus.

Ein sehr deutlicher Unterschied zum Schluss sehr aufschlussreicher, höchst interessanter drei Stunden.
"Wenn ich von vorne herein gesagt hätte, ihr werdet drei unten/rechts-Pferde sehen, wäre keiner gekommen", sagte Iris am Ende. Ich auch nicht, ehrlich gesagt.
Deshalb bin ich froh, dass es keiner wusste. Noch deutlicher und mit mehr Aha-Effekt hätte man nicht erklären können, dass jedes Pferd als Individuum wahrgenommen werden muss und entsprechend behandelt werden will.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                   

 

 


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