Urlaub bei Iris (von Pat am 29.07.2012)

 

Seit über einem Jahr hatte ich schon an Theoriestunden bei Iris teilgenommen, jede Menge gelernt, mitgeschrieben oder versucht, mir alles zu behalten. Natürlich versuchte ich, auch das Gelernte bei meinem Pferd, umzusetzen und das klappte auch ganz gut - aber irgendwie nie so richtig. Kaidana ist ein Angloarabisches Vollblut, 13 Jahre alt und sehr auf „Go“ gepolt. Sie ist extrovertiert, mit Vorliebe und gelegentlich am Rande der Hysterie und selten so richtig konzentriert. Sie ist außerdem mit ihren Gedanken so schnell wie mit ihren Füßen, und die sind echt flott.
 
Während ich z.B. bei den Spielen noch überlegte, was ich spielen möchte, sauste mein Pferd schon vorwärts schräg an mir vorbei, auf eine Linie, die einem Ei ähnelte, das bei viel gutem Willen auch ein Zirkel hätte sein können. Ich musste das Seil mit beiden Händen halten, damit sie nicht geradeaus davon flitzte und so wurde das dann entfernt ähnlich dem Circling-Game. Dass sie entschied, wie nah oder weit sie um mich zirkelte fiel mir gar nicht auf, ich hatte viel zu viel damit zu tun, das Seil einzufangen, damit sie nicht rein trat und dabei aufzupassen, dass sie mich nicht über den Haufen rannte. Übrigens sah das Circling-Game, wenn ich es mal wirklich von ihr wollte, ganz anders aus. Zuerst gefiel ihr das Rückwärtsgehen nicht, sie schlich nach hinten, wollte sich drehen, schleppte die Hufe durch den Sand und fragte nach jedem halben Schritt, ob es nicht endlich reichte. Dann drehte sie nicht wirklich auf die Zirkellinie sondern latsche lustlos eher geradeaus, um dann von mir, hinter meinem Rücken, auf die Linie gezogen zu werden. Das bewirkte meisten schon ein Anhalten, zu mir kommen wollen, in die Gegend gucken etc. … und die anderen Spiele waren ähnlich unmotiviert. Ich schaffte es einfach nicht so richtig, ihr Interesse und ihre Konzentration zu wecken.

Kaidana und ich kannten uns schon so lange, dass ich echt betriebsblind war und meine Fehler gar nicht merkte. Es war völlig klar, ohne Iris bekam ich den Durchblick nicht und ohne mein Pferd brauchte ich nicht mehr zu üben. Iris musste uns zusammen sehen und trainieren. Die Lösung dafür war folgende: Ich fragte Iris, ob ich eine Woche lang mit Kaidana zu ihr nach Wehen kommen könnte. Wir fanden schließlich den perfekten Termin, ich nahm eine Woche Urlaub, verlud mein Pferd und wir fuhren nach Wehen. Kaidana bekam eine Box und bereits nach dem Einräumen aller Sachen ging es los.

Mein nervöses Pferd war durch die fremde Umgebung noch nervöser, wieherte wild, hüpfte herum, mir fast auf die Füße und Iris fragte mich, was ich zuerst machen möchte. Ich sagte, dass ich mein verrücktes Pferd nur dazu bringen will, ruhiger zu werden und mich nicht zu verletzen. Ich dachte allerdings, hierzu gibt es sowieso kein Spiel und hoffentlich nimmt Iris mir bald den durchgedrehten Zossen ab. Tat sie nicht und es gab sehr wohl ein Spiel. Das Spiel hieß: Stick to me. Wir gingen einfach bloß um die Koppeln spazieren und Kaidana musste neben mir laufen - bei durchhängendem Seil! Das ganze Geheimnis liegt darin, dass ich genau wissen muss, was ich will und genau das auch durchsetzen darf. Ich wollte nicht umgerannt werden, also musste Kaidana Abstand halten, ein beherzter Klaps mit dem Stick funktionierte interessanterweise auch sehr schnell. Ich wollte auch nicht herumgezerrt werden. Also musste Kaidana, immer wenn das Seil sich spannte, weil sie zu schnell oder in einer von mir unerwünschten Richtung ging, rückwärts an meine Seite zurück gehen. Ich glaube wir brauchten ca. 3 Versuche und dann bremste sie freiwillig bereits wenn das Seil etwas straffer wurde und hielt Abstand von mir. Ich konnte es nicht fassen.

Solche Aha-Erlebnisse sollten sich häufen. Sehr schnell wurde mir klar, dass Kaidana bei den Spielen nichts falsch machte, sie sammelte bloß Punkte gegen mich. Darum geht’s ja bei den Spielen, Punkte sammeln, gewinnen und Spaß haben. Sie hatte das Punktesammeln drauf und ich nur sehr gebremsten Spaß. Sie hatte aber auch besonders hier, wo sie sich nicht auskannte, viel Angst und ich glaubte, es wäre besser sie wie ein rohes Ei zu behandeln. Vielleicht verlor sie dadurch ihre Angst. Falsch gedacht. „Dein Pferd sucht einen Chef und kein zweites Weichei!“ stellte Iris klar. Sie ist nicht zimperlich in ihrer Wortwahl und ich kapierte, wenn Kaidana ein Weichei ist und ich bin auch eines, kommen wir nur weiter, wenn eine von uns sich ändert und das bin dann wohl ich. Iris macht keine Schnörkel in ihrer Kommunikation, auch bei den Pferden nicht und wird dadurch zu 100 Prozent verlässlich. Ich brauchte nur genau zu zuhören, nachzumachen, was sie tat und zu lernen bis der Kopf rauchte. Kaidana verstand sofort – und ihr kam die klare Linie total entgegen. Sie entspannte sich in jeder Unterrichtsstunde schneller. Ich habe mein Pferd noch nie so viel kauen und lecken sehen wie in dieser Woche.

Ich hatte mich immer von dem Riesenspektakel meines Pferdes beeindrucken lassen, Iris ließ sich nicht beeindrucken. Sie wurde auch, im Gegensatz zu mir nicht emotional, sondern achtete lediglich darauf, dass die Spielregeln eingehalten wurden, z.B. „Renn‘ mich nicht um!“. Am  nächsten Tag spielte ich mit Kaidana – und machte doch erst wieder labberige Kompromisse. Aber dafür war ich ja hier, dass Iris sieht, was schief läuft, es richtig vormacht bzw. sofort anspricht, wo es hapert.

Beim Reiten lief es genauso. Vorher im Gelände waren Trab und Galopp immer ein Maul- gegen-Bizeps Gerangel gewesen. Kaidana versuchte volle Pulle zu rennen, ich versuchte sie irgendwie zu bremsen, damit wir nicht blind durch die Gegend flogen. Was ich bis dato nicht gewusst hatte war, dass sie ihr Gewicht derart auf der Vorhand trägt und in Wendungen immer auf die innere Schulter fällt, dass sie nur dann einigermaßen im Gleichgewicht bleiben kann, wenn sie entweder durch Tempo nach Vorwärts ausgleicht oder den Hals als Balancierstange nimmt. Herrjeh, warum hat mir das nie jemand so deutlich gesagt, wie Iris direkt in der ersten Stunde?

Jede Reitstunden waren eine echte Offenbarung. Iris lief teilweise die Hälfte der Stunde nur neben mir her und erklärte mir meinen Sitz, wie er ist und wie er sein sollte. Sie erklärte die Zusammenhänge mit den Bewegungen des Pferdes, meine Beinhaltung, Haltung der Hände und Einwirkung. Wir gingen die Gangarten durch, Anatomie von Pferd und Reiter und alles was dazu gehört, und sie erzählte immer wieder auch kleine, witzige Anekdoten.  In der Woche hatte ich auch zwei Reitstunden auf Misty, was sehr lehrreich war. Einmal bekam ich für kurze Zeit tatsächlich Muskelkater vom Reiten, peinlich, aber so gut hatte ich wahrscheinlich noch nie auf einem Pferd gesessen.

In meiner Woche in Wehen habe ich eine neue Basis gelegt auf die ich aufbauen kann. Dadurch, dass ich am Boden und beim Reiten Privatstunden oder höchstens Stunden zu zweit bekommen habe, sind mein Pferd und ich wie ausgewechselt. Wenn jeder Fehler direkt erkannt und verbessert wird, hilft das ungemein. Endlich klappt die Kommunikation … und klappt sie mal nicht, durchschaue ich recht schnell den Fehler und kann ihn korrigieren.

Kaidana geht inzwischen Jog im Gelände, am hingegebenen Zügel, denn ich übe mit ihr, was ich in Wehen gelernt habe, z.B. durch ein verlangsamtes Leichttraben das Tempo zu reduzieren. Ohne Einwirkung mit der Hand kann ich sie dadurch auf die Hinterhand bekommen, sie übernimmt ihr Gewicht besser und braucht dadurch nicht so zu rennen. Ich muss sie nur kurz erinnern und schon klappt das ganz leicht. In der Halle passiert es nur noch selten, dass sie auf die innere Vorhand plumpst. Ich reite hauptsächlich enge Wendungen, Volten, Achtern, Hinterhandwendungen etc., alles, was sie auf die Hinterhand bringt. Als Ergebnis dehnt das Pferd die Nase nach vorne unten und geht balancierter. Am Boden ist sie hellwach aber meistens  nicht mehr hysterisch sondern aufmerksam … und es macht voll Spaß  :-))).

Mir ist klar, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem ich wieder mal eine Horsemanship-Intensiv-Woche bei Iris brauchen werde. Das wird dann Aufbau auf dem jetzt Gelernten sein denn die Grundlagen stehen. Ich war zwar ziemlich platt nach der Woche aber ich habe auch jede Menge Durchblick bekommen.

Hey Iris, vielen Dank!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                   

 

 


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